Pflanzen verschaffen der Tierwelt ein sicheres Zuhause

Von Kay Meister

An zahlreichen Pflanzen der erzgebirgischen Wälder und Fluren fallen dem aufmerksamen Betrachter vielerorts immer wieder Wuchsveränderungen auf, welche die Pflanzen „normalerweise“ nicht besitzen. Der Volksmund im Erzgebirge kennt zahlreiche Namen dafür: Ananasgallen, Wirrzöpfe, Narrentaschen, Rosenkönig oder Hexenbesen. Oft findet man die abnormen Bildungen auch auf Pflanzen in Obstgärten oder auf Gemüsefeldern. Am bekanntesten sind jedoch wahrscheinlich die Galläpfel auf den Blättern verschiedener Laubbäume.

Die Gebilde, in ihrer Gesamtheit Gallen genannt, entstehen durch die Einwirkungen von Bakterien, Pilzen oder Tieren auf wachstumsfähige Organe von Pflanzen. Sie beeinträchtigen die Wachstumsvorgänge ihres sogenannten Wirtes. So entstehen zum Beispiel Hexenbesen durch die Zusammendrängung zahlreicher Seitenäste. Die Wissenschaft kennt allein über 500 Milben- und über 13 000 (!) Insektenarten, welche gallenbildend wirken können. Aus Nordeuropa wurden über 5000 Gallen beschrieben. Dabei weisen Bergländer wie das Erzgebirge deutlich mehr Pflanzengallen auf, als das Tiefland. Den höchsten Reichtum besitzen Laubwälder. Besonders häufig findet man Gallen auf Eichen, Weiden und Buchen, von denen Letztere die Charakterbaumart der ursprünglichen erzgebirgischen Waldvegetation gemeinsam mit der Tanne repräsentiert.

An allen Organen der Pflanze (Stengel, Wurzel, Blätter oder Blüte) können die Wucherungen ausgebildet werden. Ihre Größe und Struktur variiert erheblich in Abhängigkeit von den Gallenerzeugern. Besonders auffällig sind Blattgallen, von denen eine Eiche allein über 100 unterscheidbare Formen mit jeweils eigenen Tierarten hervorbringen kann. Die Erreger sind meist streng an eine bestimmte Pflanzenart, oft sogar an eines ihrer Organe gebunden.

Schon im Altertum haben die Menschen über die Galläpfel, beispielsweise der Eiche, gerätselt. Verbreitet wurden sie für Früchte gehalten. Darauf geht auch ihre frühere Verwendung durch den Menschen im Erzgebirgsraum zurück. So sollen sie bei der Heilanwendung eine harntreibende Wirkung besitzen. Begründung findet dies in ihrem hohen Gerbstoffgehalt. Auch gelangten sie in früherer Zeit in die Tintenherstellung oder wurden zum Färben benutzt. Heute werden unter anderem Arzneimittel aus den Inhaltsstoffen der Gallen gewonnen. Zudem kommen Gallen in der Gerberei zum Einsatz. Die in ihnen enthaltenen Tannine binden an das Eiweiß der Tierhäute und leiten den Gerbprozeß ein. Diese Wirkung entfalten sie jedoch auch an den Schleimhäuten von Fraßfeinden, denen der Genuß auf diese Weise wirkungsvoll vergällt wird und so die Gallen Fraßattaken überstehen. Hinzu kommt noch die große Festigkeit des Gallengewebes. Deshalb lassen blattfressende Raupen die Galläpfel meist stehen. Weitere Feinde sind Vögel, Eidechsen und Eichhörnchen, die es im wesentlichen auf den Inhalt der Gallen abgesehen haben. An der Oberseite scheiden die Blattwucherungen zuckerhaltige Säfte aus, welche von Ameisen und anderen Insekten ohne Schaden für die Galle genutzt werden. Gefahr für den „Gallenbewohner“ besteht jedoch in Form von Parasiten, welche ebenfalls die Wucherung besiedeln. So kennt man für einige im Erzgebirge heimischen Blattwespen über 90 Feindarten, die sich in fertige Gallen als Sekundäreinmieter einnisten.

Den Ursprung einer Blattgalle stellt meist die Verletzung des Blattgewebes durch ein eiablegendes Insekt beziehungsweise der Kontakt mit seinen Sekreten oder Aus-scheidungen der heranwachsenden Larve dar. Die Pflanze kapselt darauf-hin den Parasit ein und bildet unter großem Energieaufwand die Blattausstülpung. Mit ihrem Speichel, der Pflanzenhormone enthält, modellieren nun die Insektenlarven „ihre“ Galle, die in auffallender und komplizierter Weise an ihre Bedürfnisse angepasst wird.

Dem Tier bietet die Galle Schutz vor Witterungsextremen sowie Nahrung in Form zartwandiger, nährstoffreicher Zellen im Inneren des Gallapfels. Die Pflanze soll durch den Parasit zum Beispiel vor Bakterienbefall geschützt werden. Dieses Zusammenleben ist Ergebnis eines ausgewogenen Wechselspiels zwischen Erreger und Pflanze und wird gemeinhin nicht als Krankheit eingestuft, mit Ausnahme der Kulturpflanzen.

Im Herbst verlassen viele Tiere die Gallen durch ein in die Wand gebissenes Loch. Verlassene Gallkörper bieten unzähligen Kleinlebewesen im Winter Unterschlupf und Nahrung. Eine andere Möglichkeit besteht in der Überwinterung der Gallerzeuger im Gallapfel. Auf diese Weise werden die Gebilde teilweise mehrere Jahre alt. Nicht zuletzt gibt es auch Gallen, die sich vom Mutterorgan lösen und selbst am Boden noch weiterhüpfen können. Sollten Sie derartige Pflanzenwucherungen in der erzgebirgischen Natur finden, können Sie diese gern in der Naturschutzstation abgeben. Wir versuchen herauszufinden, welche Organismen hier am Werk waren – und vielleicht haben Sie einen selten Fund entdeckt!

 

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